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DER KAFFENKAHN

Der Kaffenkahn 17. und 18. Jahrhundert

Kaffenkahn in der Spree in Berlin um 1800 Zwischen 1700 und 1800 wurden sie dringend gebraucht, preiswerte grob aus Holz zusammengezimmerte und meist mit Holznägeln zusammengehaltene Lastkähne. Die Städte an den Seen und Flüssen waren im Aufbau begriffen. Um und in Berlin verkehrten sie zu hunderten, diese offenen Gebrauchskähne, mit ihrem flachen Boden und den hochgezogenen Schiffsenden. Abdeckungen mit Holzbrettern dienten dem Schutz der Ladung, waren aber eher provisoroischer Art. Der schlank noch oben, bis zu zwei Meter über die Wasserlinie hochgezogene Bug wurde "Die Kaffe" genannt, was diesem Frachtkahn den Namen "Kaffenkahn" einbrachte. Mit ihm konnte man bis dicht an die Uferlinie heranfahren, was für das Be- und Entladen über die sogenannten Karrplanken sehr von Nutzen war.




 

Kaffenkähne waren für Ladekapazitäten zwischen 30 und 50 t ausgelegt, manchmal aber auch darüber, ihre Länge betrug 30 bis 40 Meter. Durch ihre einfache Fertigungsweise und den geringen Anschaffungskosten hatten sich diese Fahrzeuge bereits nach wenigen Fahrten amortisiert, so dass man viele von ihnen einfach in den damaligen Schilfgürteln von Seen oder in einem Seitenkanal ausmusterte und verrotten ließ. Im späten 18.Jahrhundert wurden die Kaffenkähne dann durch die Spreekähne oder Zillen ersetzt. Es gab sogar "Zille-Schlächterein", wo ausgemusterte Schiffe zerlegt worden sind, um sie als Bauholz weiter zu verwenden.





 

Kaffenkähne in Berlin

 

Die Kaffenkähne hatten einen verhältnismäßig hohen, im Scherstock fest verkeilten Mast, an dem ein trapezförmiges Segel angebracht werden konnte. Wann immer die Wetterverhältnisse es zuließen, wurde gesegelt. Die Segel konnte man nicht reffen. Je nach Windstärke wurden verschieden große Segel gesetzt. War das nicht möglich, wurden die Schiffe mit langen Stangen gestakt oder auch an langen Stricken, mit einem um die Schulter gelegtem Ledergeschirr, auf eigens dafür, entlang der Gewässer angelegten Wegen, getreidelt.




 

Kaffenkähne vor der Fabrik für schmiedeeiserne Ornamente Ed. Puls, an der Holzmannstr. in Berlin

 

Die Schifferfamilien lebten unter einfachsten Umständen an Bord. Zu ihrem Schutz wurden Kaffenkähne im hinteren Bereich mit einer kleinen Kajüte versehen, der sogenannten "Bude". Kähne, von deren Lage wir Kenntnis haben, zwei im Werbellinsee, zwei im Schwielowsee, einer bei der Pfaueninsel, hatten Pflastersteine, Mauersteine und Ton geladen. Der durch uns geborgene Kaffenkahn hatte rund 40 000 handgearbeitete Dachziegel, so genannte Biberschwänze geladen.




 

Die "Bude" eines Kaffenkahns zu sehen: angelehnte Stakstangen

 

Die Kaffenkähne wurden mit diesen schweren Materialien bis an ihre äußerste Tragfähigkeit beladen, so dass die Bordwände nur kurz über die Wasserlinie hinausragten. Bei einem aufkommenden Gewittersturm bestand somit höchste Gefahr. Kamen die Wellen erst einmal über die Bordwand, dann sackte die Kähne ab, wie ein Stein.




 

Kaffenkähne im Winterlager

Berliner Zille

um 1800, Ladekapazität 30 - 50 t, Länge bis 30 m 




gesunkener Kaffenkahn wird entdeckt

Durch die Erzählungen des Fischer L. wurde unsere Aufmerksamkeit auf die Oberhavel, zwischen der Insel Eiswerder und der Zitadelle Spandau gelenkt. Herr L. erzählte uns, dass er dort an einer bestimmten Stelle nicht fischen könne, da sich dort die Netze immer an einem auf dem Grund befindlichen Gegenstand verfingen. Auch der Vater des Herrn L., konnte an dieser Stelle schon nicht fischen.

So zog unser Taucherteam an einem wunderschönen Tag des Jahres 1986 zu der bezeichneten Stelle. Mit dem Arbeitsfloß war das vom Großen Wannsee eine lange Anreise. Mit einem Suchanker wurde die vermeintliche Stelle geradezu umgepflügt, bis der Anker endlich packte. Einer unserer Taucher ging der Sache im warsten Sinne des Wortes auf den Grund und brachte einen krummen Balken mit nach oben. Dieser war mit dem Beil grob bearbeitet worden, wobei der natürliche Wuchs des Holzes für die Krümmung geschickt ausgenutzt worden ist. In dem Balken steckten mehrere Holznägel. Es war ein Spant (rippenähnlicher Bauteil zur Verstärung der Außenwand eines Schiffes) aus einem Schiff. Damit stand fest, unter uns befindet sich ein wirklich altes Wrack. Der Sommer verstrich mit Überlegungen, was nun zu tun sei und ob eine Bergung in Betracht käme. Um das realistisch abschätzen zu können, reicht natürlich ein gefundenes Krummholz nicht aus. Es mußten weitere Erkenntnisse erlangt werden. In den Unterlagen des Tauchteams wird der Fund als Hindernis Nr. 71 eingetragen.




Bergung möglich ?

Inzwischen war es Winter, nicht gerade eine gute Zeit, um weitere Nachforschungen anzustellen. Trotzdem zogen wir zu der durch genaue Peilung bekannten Stelle. Ich hackte für den Taucher, der die ersten Nachforschungen anstellen sollte, ein Loch in die 20 cm dicke Eisschicht. Unser Taucher-Freund A. übernahm gut abgesichert die kalte Aufgabe und brachte eine Probe von Dachziegeln mit nach oben.




 

Erste Nachforschungen

 

Auch machte er Unterwasseraufnahmen von in Reihe und Glied aufgestapelten Dachziegeln. Es waren Dachziegel der Firma Cb und W. Grothe aus Rathenow. Das Schiff war auf dem Weg nach Berlin. Das Wrack wurde vermessen, Länge ca. 30m, Breite ca. 4,4m, Höhe ca. 1m. Wir errechneten, dass der Lastkahn mit ca. 30 000 bis 60 000 Dachziegeln beladen sein müßte. Uns war völlig klar, dass eine Bergung ohne fremde Hilfe unmöglich war.




 

Inzwischen konnte das (damalige) Museum für Verkehr und Technik an dem Fund interessiert werden. Nach den gefundenen Gegenständen, das Krummholz und die Dachziegel, mußte es sich bei dem Wrack um einen gesunkenen Kaffenkahn aus dem 18. Jahrhundert handeln. Ein Original dieses Schiffstyp gibt es in keinem Museum der Welt. Nahezu alle in den Museen und auch anderweitig noch vorhandene Modelle von Binnenschiffen aus der fraglichen Zeit sind als "Gildezeichen" oder "Insignien" der Schiffervereinigungen gefertigt worden und somit als "Votivschiffe" zu bezeichnen. Es gibt heute noch ein Sreeschutenmodell im Märkischen Museum Berlin, ein Kahnmodell im Wasserstraßenamt Zehdenick, ein Kaffenkahnmodell im Museum Brandenburg/Havel. Es gibt auch Stahlstiche und Applikationsbilder in verschiedenen Museen, die segelnde Kaffenkähne um 1800 zeigen, aber nirgendwo existiert ein Original.




Vorbereitungen für die Bergung

Nun war der Frühling wieder eingekehrt. Eine Zusage auf Hilfe hatten wir noch nicht. Dennoch begannen wir damit, das Wrack und die Ladung von einer dicken, bis zu 50cm dicken Sedimentschicht, zu befreien. An einer Stelle im hinteren Bereich des Schiffes endeten die Stapel mit den Dachziegeln, obwohl der Schiffsrumpf noch nicht zuende war. Das mußte die Stelle sein, an der sich die Bude befand. Ich war gerade der Taucher am Saugrüssel und schob ihn in den dicken Schlamm bis hinunter auf den Schiffsboden. Dann erweiterte ich das so entstandene Loch und stieß auf die ersten historischen Gebrauchsgegegnstände, wie, Teller, Tassen, Töpfe Krüge, einen Ofen und Werzeuge, alles echte Handarbeit aus der damaligen Zeit. Vierundsiebzig Gegenstände konnten durch das Team geborgen werden, alles wurde fotografiert und katalogisiert.




 

Ofen von 1817

 

In allen aufgefundenen Wracks, bei denen wir die historischen Gebrauchsgegenstände bergen konnten, befand sich fast das gleiche Sortiment. Was sollten die Schiffer der damaligen Zeit auch anderes an Bord haben. Müsste ich heute einen Kaffenkahn ausrüsten,würde ich ihn mit genau den selben Gegenständen ausrüsten. Nur eines käme noch mit an Bord, ein "Satellitennavigator".




 

Krug von 1789

 

Nun war auch die Zusage auf Hilfe für die Bergung der Ziegelladung da. Die Firma B. wurde mit mehreren Schuten, einem Schwimmsteg, einem Kran und einem schwimmenden Wochenendhaus für die Taucher bestellt. Längseits des Wrack wurde kräftige Dalben in den Grund gerammt, rings um das Wrack entstand so etwas wie eine " Wagenburg", natürlich aus Wasserfahrzeugen. Die Baustelle nahm utopische Ausmaße an.




 

Der Kaffenkahn Die Bergung des einzigen noch erhaltenen Kaffenkahns

Kaffenkahn wird geborgen

Am 1. August 1987 wurden die ersten Euro-Gitterpaletten in das Wrack hinabgelassen. Eine Wahnsinnsarbeit begann. Galt es doch, vielleicht 50 t Dachziegel in etwa 4,5m Wassertiefe, bei absoluter Finsternis, in die Gitterboxen zu laden. Dazu kam noch ein enormer Zeitdruck. Für die Arbeiten waren nur sieben Tage angesetzt. Zu unserem großen Glück bot sich eine Gruppe Rettungstaucher aus Stade an, uns zu helfen. Auch konnten aus unserem Club einige "Gasttaucher" an die Baustelle gelockt werden. Bald aber war das Stammteam wieder allein.




 
 

In der vorgegebenen Zeit konnten wir 150 Gitterboxen, hintereinander aufgestellt ergibt das eine Länge von 180m, unter Wasser beladen. Insgesamt wurden 70t Dachziegel umgeschlagen (Naß-Gewicht).




 

150 Gitterboxen mit Biberschwänzen

Kaffenkahn kommt von selbst nach oben !

Dann begann das große Aufräumen. Die letzten Scherben mußten mit dem Saugschlauch aus dem Wrack entfernt werden. Gerade waren wir dabei, uns an Land einen starken Baum auszusuchen, an dem wir ein Stahlseil befestigen könnten, um das Wrack vom Grund, mit dem es sich in den vielen Jahren fest verbunden hat, abzuschneiden. Dann hörten wir, wie jemand schrie: "Da ist es, das Wrack ist da". Alle liefen aufgeregt durcheinander. Es waren wieder interessierte Taucher aus unserem Club bei uns. Kameras wurden in Stellung gebracht, Leinen mußten gelöst werden und Taucher fielen sich in die Arme. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung unter den Tauchern.




 

Das Wrack steigt allein an die Oberfläche

 

Damit hat nun wirklich niemand gerechnet. Ein Wrack, dass nunmehr ca. 150 Jahre auf dem Grund der Havel lag, kam ganz allein wieder an die Wasseroberfläche. Dazu unser Taucher-Freund M.: "Ich habe im Schiffsboden mit dem Saugrohr die letzten Scherben entfernt, als es immer heller wurde. Zunächst dachte ich, die Sonne scheint dort oben kräftig. Plötzlich saß ich wie in einer Badewanne und konnte mit dem Kopf aus dem Wasser sehen".

Wer nicht selbst dabei war, wird es kaum glauben. Die anwesenden Taucher waren begeistert. Das völlig unerwartete Auftauchen des Schiffes schuf natürlich auch Probleme. Ein Abtransport konnte unmöglich erfolgen. Bis dahin hatte man sich auch darüber noch keine endgültigen Gedanken gemacht. Außerdem mußte das Schiff vor dem Wegschwimmen gesichert werden und auch vor Souvenierjägern. Wir beschlossen, das Schiff an Ort und Stelle kontrolliert zu versenken. Es wurden fünf der mühsam beladenen Gitterboxen mit Dachziegeln wieder zurück in das Schiff gestellt, bis es zu sinken begann. Es sank jedoch nicht, wie Schiffe das zu tun pflegen, nämlich in ihrer normalen Schwimmlage. Das Wrack kippte beim Sinken seitlich auf eine Bordwand und lag nun so auf dem Grund und alle Gitterboxen kippten aus. Das bedeutete einen halben Tag Mehrarbeit.




 

Am nächsten Morgen war es dann soweit. Die Presse und das Fernsehen waren zahlreich erschienen und wir ließen unser Wrack wie in einer Uraufführung, mit einer 90°-Drehung, an die Oberfläche steigen, alles funktionierte nach Plan. Der stellvertretende Direktor des Museums für Verkehr und Technik war zugegen und übernahm sein Schiff.

Auf meine Frage, was er denn mit einem so großen Schiff machen wolle, das passt doch durch keine Tür, antwortete er gelassen:


"Es ist besser, ein historisches Schiff zu haben und noch keine Halle, als eine Halle und kein Schiff. Es ist schließlich das einzige noch erhaltene Original auf dieser Welt. Dann wird eben eine neue Halle gebaut."




 

Das Fernsehen war auch zur Stelle

Erfolgreiches Bergungsteam

Dem Taucherteam hat die Bergung Spaß gemacht. Wir bedanken uns für die Hilfe durch die Taucher des DUC und die Rettungstaucher aus Stade. Ohne deren Hilfe wäre der Zeitplan nicht einzuhalten gewesen.
Das Wrack ist dann, abgesichert durch die Wasserschutzpolizei, durch die Schleuse Spandau, zum Südhafen verlegt worden.




 

In der Schleuse Spandau

Zwischenlager Berlin - Spandau Südhafen




Kaffenkahn im Museum

Seit dem 14.12.2003 ist der durch uns geborgene Kaffenkahn im Deutschen Technikmuseum Berlin, in einer eigens dafür gebauten Halle, in der Abteilung für Schiffbau ausgestellt worden und stellt dort den zentralen Mittelpunkt dar. Der Mast ragt über zwei Etagen empor. Im Rumpf des Schiffes stehen auch wieder ein Teil der durch uns geborgenen Dachziegel.




 

Kaffenkahn im Deutschen Technikmuseum Berlin Bildveröffentlichung mit freundl. Genehmigung Dr.Hans Großer, DUC-Berlin

 



 

Medaille zur Erinnerung an die erfolgreiche Bergung
eines antiken Kaffenkahns aus der Oberhavel in Berlin.




 

Dieser Bericht erschien erstmals im Februar 1987 in der Zeitschrift "Der Froschmann".




 

© Copyright Günter Jürgens


Siehe hierzu: Der Kaffenkahn - Bildergalerie - (Bilddokumentation über die Bergung eines antiken Kaffenkahns)
Siehe hierzu: Der Kaffenkahn - Fundstücke - (Bilder von den geborgenen Gegenständen.)
Siehe hierzu: www.duc-berlin.de/kaffenkahn.htm (Bericht über die Bergung eines antiken Kaffenkahns)




Wracktauchen im Werbellinsee - Fundstücke - | Der Kaffenkahn - Bildergalerie -

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