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DIE BERGUNG DER EVADORA IV

Die Bergung der Evadora IV

Die Bergung eines Wracks aus der Havel in Berlin 




Auffinden des Wracks

Der für die Berliner Unterhavel zuständige Fischer L. berichtete uns, dass er mit seinen mehrere hundert Meter langen Netzen beim Fischen im Bereich Breitehorn seit Jahren an einem undefinierbaren Gegenstand hängen bliebe und dadurch an den Netzen schon erheblicher Schaden entstanden sei. Wir verabredeten einen Ortstermin und es wurde vor Breitehorn ein Fischzug zur Auffindung des Hindernis gestartet.




 

Fischzug zum Auffinden eines Hindernisses

Ankerspill ertastet

Das Netz wurde mit zwei Wasserfahrzeugen bis fast bis zur Mitte der Havel ausgebracht, dann fuhren beide, mit riesigen Netzrollen ausgerüsteten Spezialfahrzeuge, in einem großen Bogen, dicht am Ufer aufeinander zu und schlossen so das Netz zu einem Kreis. Beide Fahrzeuge wurden miteinander verbunden, dann zogen Motorwinden das riesige Netz zusammen. An den Netzschwimmern konnte man gut erkennen, wie sich das Netz immer weiter ringförmig schloss.







 

Das Netz wird zusammengezogen

 

Inzwischen habe ich meine Taucher-Klamotten angelegt und wartete ab. Ein Taucher machte die Seitenwinde an unserer Taucherplattform klar und hakte mir die Sicherungsleine in den Bleigurt. Dann bildeten die Netzschwimmer plötzlich eine Elypse und das bedeutete, das Netz hängt an einer Stelle fest. Mit gemischten Gefühlen schwamm ich von außen an das zum Teil zusammengezogene Netz heran un ließ mich dann dicht bei den Netzschwimmern am Netz nach unten sinken.
Bereits nach 1,5 m Wassertiefe herrschte absolute Dunkelheit (Null-Sicht). Ab sofort musste ich mich auf meinen Tastsinn verlassen. Nach etwa 6 m Wassertiefe (geschätzt) sank ich nicht mehr tiefer, meine Flossen konnte ich nur noch langsam bewegen. Zunächst ganz weicher und dann zäher Schlamm haben mich abgebremst, obwohl ich den Grund längst nicht erreichte. Es stank bis in die Silikonbrille hinein stark nach Faulgassen.

Nun galt es, das Hindernis zu finden, an dem das Grundseil verhakt war. Um an dieses Grundseil zu gelangen, musste ich das Netz raffen. Dabei war höchste Vorsicht geboten, denn ein lose im Wasser schwimmendes Netz hätte sich leicht an meiner Taucherausrüstung verfangen können. So hielt ich den gerafften Teil des Netzes fest in einer Hand und konnte mit der anderen Hand das Grundseil ertasten.




 

Durch vorsichtiges Ziehen am Grundseil fand ich die Stelle, an der es sich verhakt hatte. Ich befreite das Netz von diesem Gegenstand und befestigte daran meine Sicherungsleine. Dann tauchte ich vorsichtig auf und gab das Zeichen, das alles OK sei. Das Netz ist dann weiter in Richtung Ufer zusammengezogen worden. Von der Taucherplattform holte ich mir das Stahlseil der Hebewinde und tauchte entlang meiner Sicherungsleine wieder zu den Hindernis hinab. Dabei zog ich das Stahlseil hinter mir her und befestigte es an dem Hindernis, danach gab ich das Zeichen zum Hochziehen.




 

Ankerspill für den Handbetrieb An diesem Teil blieb das Netz seit Jahren hängen. Der Rest der Segelyacht war schon im Schlamm versunken.

 

Das Stahlseil straffte sich und dann konnte das Hindernis an die Wasseroberfläche gezogen werden. Es waren ein Ankerspill für Handbedienung und ca. 2 qm Bootsdeck.

Wo ein Ankerspill und ca. 2 qm Bootsdeck sind, da ist auch ein Boot. So tauchte ich noch einmal nach unten und konnte unter dem Schlamm einen großen schlanken Schiffsrumpf erstasten. Weitere Untersuchungen ergaben, dass es sich um ein 12,60 m langes Segelschiff handelte, das offensichtlich voll ausgerüstet sank und durch sein Eigengewicht bereits völlig im Schlamm der Havel versunken war, bis auf den Ankerspill, an dem die Netze seit Jahren immer wieder hängen blieben. Wäre dieses Schiff nur 20 cm tiefer in dem Schlamm eingesunken, wäre das Geheimnis der EvaDora IV nie gelüftet worden. In den Unterlagen der Taucher wird das Wrack als Hindernis Nr. 48 eingetragen.




Die Bergung

Der Entschluß zur Bergung des ganzen Schiffes war schnell gefaßt. Es folgten Besprechungen darüber, wie die Bergung erfolgen soll. Es waren Auftriebskörper für mindestens fünf Tonnen zu beschaffen und sie mit Befestigungsösen und den notwendigen Ein- und Auslässen zu versehen.
Als Auftriebskörper dienten uns ausgediente 1000 Liter Heizöltanks, die wir aus verschiedenen Stadtbezirken herbei schafften. Diese mussten gereinigt werden und sind dann für unsere Bedürfnisse mit den erforderlichen Beschlägen versehen worden.




 

Bergung mit Hilfe von Auftriebskörperrn

Arbeit unter Wasser

Es wurden ca. 100 m Füllschläuche und ein leistungsstarker Luftkompressor, dutzende großer Schäkel, Stahlketten, unzählige Seile, starke Saugpumpen und die dazu gehörende Saugleitung, Benzinvorräte, Sicherungslampen, Werkzeuge aller Art, vier große Anker und vieles mehr benötigt. Daneben hatte natürlich jeder Taucher seine eigene Kisten, gefüllt mit Taucherklamotten und all den Dingen, die sich im Laufe von vielen Jahren für Bergungen aller Art als nützlich erwiesen hatten.











 

Mit dem Bug voraus an die Oberfläche

 

An die Arbeit in totaler Finsternis, umgeben von nichts als Schlamm, in der Kajüte eines Wracks, hat man sich bald gewöhnt. Man tut einfach seine Arbeit und schiebt den Saugrüssel vor sich her, in den Schlamm, um sich so langsam von der Plicht her bis ins Vorschiff vor zu arbeiten. Auch bei absoluter Dunkelheit findet man sich gut zurecht und kennt bald jeden Winkel des Wracks, "man sieht mit den zehn Fingern". Der Mann an der Sicherheitsleine, oben auf der Arbeitsplattform, spürt genau, ob der Taucher ruhig und ausgeglichen arbeitet, es ist wie telefonieren.




 

Das Wrack schwimmt auf

Eignerschild gefunden

Nur die verrosteten Sprungfedern der längst verrotteten Sitzpolster in der Kajüte bereiteten mir manchmal Stress. Die kleinen piekenden Ungeheuer setzten sich immer wieder an der Mündung des Saugrüssels fest oder durchstachen in der Kniegegend meinen Trockenanzug. Wassereinbruch in einen Trockenanzug, wenn auch nur tröpfchenweise, ist ja nicht so schön und schon gar nicht im Winter.
Es mußte der gesammte Innenraum des Schiffes von Schlamm, Sand und Muscheln befreit werden. Wir arbeiteten in Schichten. Alles wurde mit einem Saugrohr bis an die Oberfläche und dort durch eine Siebstraße gepumpt. Als ich den Saugrüssel in einen Schrank hielt, war im Saugrohr ein lustiges Geklimper zu hören.




 

Das Eignerschild ist gefunden

Siegestrophäen, Segel, Geschirr

Es stellte sich heraus, dass das Schiff voll ausgerüstet, mit allen Segeln, Geschirr, Bestecke und seinen bei diversen Regatten gewonnenen Trophäen, sank. Das lustige Geklimper im Saugrohr wurde durch die aufsteigenden Schnapsgläser verursacht. Der Klapptisch der Kajüte wies Spuren einer Explosion auf. Nach der provisorischen Reinigung der Kajüte wurden Auftriebskörper (Heizöltanks), mit einem Rauminhalt von 5000 l, im Schiffsrumpf, an den Befestigungsbolzen des Bleikiels, befestigt und die Füllschläuche für Pressluft verlegt.




 

Schildhorn-Wettfahrt Berlin Pokal für Evadora IV

 

Dann schwiegen die Saugpumpen. Dafür dröhnte der Motor des Luftkompressors und die Auftriebskörper wurden nach System angeblasen. Aufsteigende Luftblasen ließen erkennen, dass sich das Wrack bewegt und aus dem Schlamm löst. Nach ca. 15 Minuten kündigte sich der Schiffskörper mit sprudelnden voraus gedrückten Wasserbergen an der Oberfläche an und durchstieß mit dem Bug voran die Wasseroberfläche. Das Taucherteam jubelte und riss die Arme nach oben. Es wurden die obligatorischen Erfolgsfotos geschossen, doch nach wenigen Sekunden sank das Schiff wieder in der Tiefe, 5 Tonnen Auftrieb waren zu wenig, um das Schiff an der Wasseroberfläche schwimmfähig zu halten. Die Aktion wurde an diesem Tag abgebrochen. Weitere Auftriebskörper mußten beschafft werden, so dass am Ende ein Auftrieb von 6,8 Tonnen zur Verfügung stand. Damit wurde das Segelschiff aus 6m Tiefe gehoben und blieb, wie es schien, schwimmfähig. Vorsichtshalber wurde das Wrack nahe dem Ufer wieder auf Grund gesetzt, zum Schutz vor Wrackplünderern und für weitere Untersuchungen.




 

Nahe dem Ufer erneut auf Grund gesetzt

Abtransport der EvaDora IV

Ein Abtasten des Schiffsrumpfes ergab, dass es oberhalb der Wasserlinie ein Einschussloch gab und mehrere Planken durch Splittereinwirkung beschädigt waren. Das erklärt auch die Explosionsspuren an der Tischplatte. Diese Beschädigungen haben das Schiff damals sinken lassen. Die Löcher wurden mit Flicken, zurechtgeschnitten aus einem alten Feuerwehrschlauch, zugenagelt. Wieder wurden die Saugpumpen angeworfen, um das im Schiffsrumpf verbliebene Wasser zu entfernen und dann war das Wrack wieder schwimm- und transportfähig, sogar die Ruderanlage funktionierte einwandfrei. Inzwischen hatte die Presse von der Sache Wind bekommen und so wurde das Wrack erst einmal ausgiebig fotografiert. Alle Sicherheitsmaßnahmen für die Überführung des Wracks, in den Hafen der Taucher, wurden noch einmal überprüft. Dann nahm der Fischer das Wrack an den Haken und wir fuhren mit Polizeigeleit zur Hafenanlage unseres Taucherclubs. Hier wurde das Schiff zur Überwinterung vertäut und es erfolgte die Endreinigung des Schiffsrumpfes.




 

EvaDora IV am Haken

Das Skelett der EvaDora IV

Bei der Endreinigung wurden noch einmal unzählige Bodenbretter und Reste der Innenausstattung entfernt. Frischwasser wurde eingeleitet, damit der restliche Schlamm abgepumpt werden konnte. Wir trauten unseren Augen nicht. Neben Wettkampfmedaillen, einem Eignerschild und allerlei mehr oder weniger nützlichem Zeug, wie Geschirr, legten die Taucher ein fast vollständiges Skelett eines Menschen, dazu einen Ehering, 585er Gold, mit den Initialen E.K. 28. Januar 1930, frei. Es musste sich um das Skelett eines großen Menschen handeln. Die Knochen haben in den vielen Jahren unter dem Schlamm ein dunkelbraune Farbe angenommen, an manchen Stellen schimmerten sie bläulich.




 

Ein Skelett wird gefunden

Mordkommission ermittelt

Nun schaltete sich die Vermisstenstelle der Mordkommission ein und führte entsprechende Ermittlungen durch. Wir Taucher wurden zu Vernehmungen vorgeladen. Die große Frage war, wer war der Mensch mit dem Ehering E.K. 28. Januar 1930? Das aufgefundene Eignerschild führte nicht zur Klärung der Sachlage. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich von sensationslüsternden Pressevertretern bedrängt, auch von denen der unangenehmenen Sorte. Es erschienen Berichte in diversen Tageszeitungen und Klatschblättchen, wie, Die Aktuelle, BZ, Volksblatt Berlin, Tagesspiegel, Berliner Morgenpost, Segelsport, Berliner Taucher, Tauchen, Die Yacht, Der Zehlendorfer und anderen Zeitungen. Mit Hilfe des von alten Segelschiffen begeisterten Herrn S., vom MYCvD, konnte der gesammte Lebenslauf des Schiffes in verstaubten Archiven herausgefunden werden. Abschließend fand eine Besprechung statt, bei der alle bis zu diesem Zeitpunkt stattgefundenen Ereignisse noch einmal aufgearbeitet wurden. Es waren der Fischer, die beteiligten Taucher, Vertreter der Polizei (Mordkommission, Wasserschutzpolizei) und geladene Leute zugegen, die Presse war ausgeschlossen. Wir meldeten das Wrack als Fundsache an und machten unsere Ansprüche geltend.




Eignerschild Albert Schirmacher

Wir Taucher hätten natürlich gern mehr über den auf dem Eignerschild benannten Albert Schirmacher, Charlottenburg Bayern-Alle 6 erfahren, aber an der angegebenen Adresse kannte ihn niemand. Selbst Mieter, die schon seit vielen Jahren dort wohnten, kannten den Namen nicht. Erst viel später stießen wir auf einen entfernten Verwandten. Dieser Verwandte erinnerte sich: "Ja, der Albert hatte am Wannsee ein großes Segelschiff liegen. An Bord beschäftigte er zwei Matrosen und wenn der Albert an Bord kam, dann mussten die beiden am Bug antreten und grüßen. Albert starb 1948 eines natürlichen Todes."




 

Eignerschild der EvaDora IV konnte im Wrack gefunden werden

Die Versenkung der EvaDora IV

Es war im April 1945, der zweite Weltkrieg neigt sich seinem Ende zu. Die Sowjetische Armee hat die meisten Außenbezirke Berlins bereits fest unter ihre Kontrolle gebracht. Überall ist das Dröhnen von Kanonen zu hören, die Explosionen liegen aber weit entfernt vom Wannsee, als sich der damals 17jährige Arztsohn H.E. im Hafen des Potsdamer Yachtclubs am Wannsee damit beschäftigte, die Segelyacht seines Vaters klar zu machen, um sich mit ihr vor den anrückenden russischen Truppen in Sicherheit zu bringen. Er wollte mit der Yacht über den Wannsee und die Havel, hinüber nach Gatow fliehen. Dort besaß seine Familie ein Wochenendhaus.




Der letzte Passagier an Bord

Gerade war er dabei, noch einigen Hausrat einzuladen, als ihn der SS-Offizier Janicke ansprach. Janicke war in Uniform und musste sich ebenfalls vor den heranrückenden Russen in Sicherheit bringen. Er war sichtlich nervös und bat den 17jährigen E., die Yacht "Wehrwolf" (EvaDora IV) längseits zu nehmen und sie mit hinüber nach Gatow zu überführen. Das Schiff hatte zu der Zeit keinen Mast und keinen Motor.

Zur Erklärung: Vermutlich erwarb Janicke die EvaDora IV von einem Herrn Albert Schirrmacher, der zum Ende des zweiten Weltkrieges eines natürlichen Todes starb und nannte das Schiff Wehrwolf .

E. fuhr dann unter Motor mit dem Schiff seines Vaters und der Bitte Janickes entsprechend, mit der an Steuerbord festgemachten Wehrwolf (EvaDora IV) zunächst bis Schwanenwerder und ging dort vor Anker. Die Überquerung der Havel sollte erst am nächsten Morgen stattfinden. Er war bereits eingeschlafen, als er durch das Trampeln von Soldatenschuhen, an Bord seines Schiffes, jäh geweckt wurde. Es waren Deutsche Soldaten, die N. vorerst in Gewahrsam nahmen. Sie erklärten die beiden Schiffe für beschlagnahmt, da diese für das Verlegen von Truppen, hinüber nach Gatow, benötigt würden.

E. wurde mit einer Panzerfaust ausgerüstet und konnte sich wieder frei bewegen. Es gelang ihm, unbemerkt wieder an Bord seines Schiffes zu gelangen. Er lichtete den Anker und konnte mit beiden Schiffen fliehen.

Lesen sie jetzt seinen abenteuerlichen Bericht, den ich während er ihn vortrug, sofort protokollierte.

"Ich nahm Kurs Nord, Richtung Kaiser-Wilhelm-Turm. Es war ein wunderbarer sonniger Morgen und ich habe die Segel gesetzt. Der Wind kam aus Nordost und ich nahm Kurs direkt auf den Kaiser-Wilhelm-Turm, als ich aus dieser Richtung beschossen wurde. Es waren Schüsse aus einer Flak oder ähnliches, aber auch Gewehrschüsse und Schüsse aus Maschinenwaffen. Ich ließ mich sofort abfallen, Richtung Gatow. Der Beschuß hörte dann auf. Vor Gatow, unmittelbar vor der Steganlage Kl. Breitehorn, ging ich vor Anker. Hier übernachtete ich auf unserem Schiff. Die Wehrwolf war auf der Steuerbordseite festgemacht. Außer mir war niemand an Bord. Gegen Mittag setzte erneut Beschuß ein. Zuerst schlug eine Granate kurz vor den Schiffen ein, worauf sich eine Wasserfontäne erhob. Ich flüchtete in die Kajüte und versuchte dort, an der tiefsten Stelle, Deckung zu finden. Dann durchschlug ein Geschoß den Bug unseres Schiffes und explodierte im Vorschiff. Eine dritte Granate traf mein Schiff an backbord und ging auf der Steuerbordseite wieder hinaus. Dieser Treffer durchschlug auch die Bordwand der Wehrwolf (EvaDora IV) und explodierte in deren Kajüte. Auch setzten wieder Gewehrschüsse auf die beiden Schiffe ein. Ich sah, dass die auf der Steuerbordseite festgemachte Wehrwolf bereits stark kränkte. Ich kappte die Leinen und verließ mit dem Dingi die beiden Schiffe. Bis zum Land war es nicht weit. Das Dingi machte ich an der dortigen Steganlage fest.

An Land nahmen mich sofort russische Soldaten gefangen. Ich wurde entlang der Wasserlinie, vorbei an einer Pak, zu einer durch die Russen besetzten Villa gebracht. Dort saßen russische Offiziere und feierten mit Alkohol den bevorstehenden Sieg. Man begann, mich mit einer an meinen Kopf gehaltenen Pistole zu verhören. Ich konnte ein paar Sätze in russischer Sprache, was sich aber eher negativ auswirkte. Irgendwann haben mich die Russen wieder laufen lassen. Dazu fehlt mir aber heute jedes Zeitgefühl. Danach ging ich zurück zu den Schiffen. Das Dingi lag noch immer an der Steganlage und so konnte ich zu meinem Schiff hinüberfahren. Die Wehrwolf war in der Zeit meiner Gefangennahme gesunken. Das Deck des Schiffes lag nicht weit unter Wasser und man konnte es in dem damals sauberen Wasser deutlich sehen. So konnte ich auch mein Fahrrad, das auf dem Deck der gesunkenen Wehrwolf lag, retten. Ich bin mir absolut sicher, dass zu dem Zeitpunkt, als ich beide Schiffe verließ, außer mir, niemand an Bord war."

Wir luden Herrn E. ein, die im Hafen der Taucher für die Überwinterung festgemachten Wehrwolf (EvaDora IV) zu besichtigen. Es war an diesem Tage saukalt, die Bäume waren voller Raureif, das Schiff lag eingefroren an der Steganlage. Wir kletterten mit Herrn E. an Bord. Er betrachtete eine Weile schweigend und sichtlich beklommen das Wrack, dann sagte er: "Ja, dass ist sie, dass ist die Wehrwolf." Er schwärmte von den wunderschönen Tüllgardinen, die an den Bullaugen der Wehrwolf hingen. Die Gardinenringe haben wir im Schlamm gefunden.




Aufschlagzünder gefunden

Auch den Aufschlagzünder der Granate, die damals die Wehrwolf versenkte, haben wir gefunden (er wurde später durch die Kripo sichergestellt). Es war für alle ein bewegender Moment, der Mann, der im April 1945 als letzter an Bord der Wehrwolf (EvaDora IV) war, stand nun mit denen, die das Schiff hoben, wieder an Bord. Damit galt die Geschichte um das Wrack als restlos aufgeklärt. Als der Wannsee und die Havel eisfrei waren, fuhren wir mit Herrn E. hinüber nach Breitehorn. Wir fuhren den Kurs, den er damals genommen haben musste. Ohne ihm genau die Stelle zu zeigen, an der wir das Wrack hoben, konnte er sich erinnern. Er zeigte auf eine Stelle, die nur unwesentlich vom tatsächlichen Fundort abwiech.




 

Aufschlagzünder einer russischen Granate eingeprägtes Datum: 17. Woche (April) 1945

Wer war der Tote?

Ein Geheimnis konnte bis heute nicht geklärt werden. Wie kommt das Skelett eines großen Menschen, mit einem Ehering, mit der Gravur E.K. 28. Januar 1930, an Bord des versunkenen Schiffes? War es vielleicht ein Wrackplünderer, der nicht den Weg zurück aus der Kajüte gefunden hatte oder hatte ein dilettantischer Bergungsversuch stattgefunden, der zum Tode dieses Menschen führte? Niemand weiß es und es scheint für immer ein Geheimnis zu bleiben.




 

Wer trug diesen Ring?

Hilfe aus der Bevölkerung

Aus München erreichte uns der folgende Brief:




 
 



Die EvaDora wird verkauft

Es war an einem Sonntag, in unserem Clubhaus. Unser Taucherteam saß in einer gemütlichen Runde zusammen. In der großen Runde saßen noch andere Personen, darunter ein Herr, den ich vorher nie gesehen habe. Er interessierte sich sehr für die Geschichte der EvaDora IV und fragte mich dann, ob er das Schiff kaufen könne.
Ich war platt, wie kann es sein, dass da plötzlich ein Fremder zu uns kommt und unser Schiff kaufen möchte?




 

Der neue Eigner der EvaDora IV

Verlegung der EvaDora IV

Durch Rückfragen versicherte ich mich, dass seine Kaufabsicht erst gemeint war. Das Schiff war durch die Fundanzeige, auf die sich kein anderer rechtmäßiger Eigentümer meldete, bereits in unser Eigentum übergegangen. So stand einem Verkauf nichts im Wege.
Aufgrund der Menge an Blei, die als Kiel unter der EvaDora IV hing, kalkulierte ich einen angemessenen Preis, mit dem der Interessent sofort einverstanden war. Dann wurde das Tauchteam befragt, ob es Einwände gegen den Verkauf, zu dem einvernehmlich ausgehandelten Preis gäbe. Alle waren einverstanden. Der Verkauf des Schiffes wurde mit Handschlag besiegelt. Die EvaDora hatte einen neuen Eigner.





 

Der neue Eigner der EvaDora IV

 

Der neue Eigner wollte das Schiff zum Südhafen, nach Berlin-Spandau, verlegen, um es dort an Land zu nehmen. Die Verlegung boten wir als Service an. Im Rahmen der Vorbereitungen für die relativ lange Fahrt musste zunächst die Schwimmlage des Schiffes verändert werden. Durch ein in den vorderen Bereich des Bugs gestelltes, mit Wasser gefülltes Benzinfass, konnte die Schwimmlage und somit auch die Mannövrierfähigkeit verbessert werden. Die zu kurze Ruderpinne des ansonsten voll funktionsfähigen Ruders ist verlängert worden. Ein motorisiertes Beiboot ist mit der Evadora IV fest verzurrt worden, es sollte als Schubschiff dienen. Diverse Leinen und sonstiges, der Sicherheit dienendes Material kamen an Bord.




 

An der Heerstraße, Spandauer Gemünd

 

Durch mehrere, vor unserer Hafenanlage gefahrene Mannöver konnten wir uns von der Sicherheit für die Mannschaft und das Schiff überzeugen. Dabei mussten wir genau die Wassertiefe vor unserer Hafenanlage beachten, denn die Evadora IV hatte ca. 1,80 m Tiefgang. Der Eigner, Herr P., kam an Bord und wir gingen auf "große Fahrt", nach Berlin-Spandau. Zunächst übernahm ich das Ruder, später übernahm der Eigner.




Berlin-Terminal in Spandau

Die Fahrt verlief erwartungsgemäß völlig problemlos und endete am Berlin-Terminal des Südhafen Berlin-Spandau. Dort wurde das Schiff mit einem Kran an Land gehoben und dabei gleich gewogen, 6,3 t, minus Ballast, also rund 6 t. Später waren wir noch einmal bei dem Schiff, um ein paar Fotos zu machen. Inzwischen sind einige durch Granatenbeschuss beschädigte Planken ausgewechselt worden, um das Schiff ist eine provisorische Halle gebaut worden.




 

Berlin-Spandau Südhafen

 

Das Schiff ist dann noch einmal verlegt worden, ob zu Wasser oder auf dem Landweg ist uns nicht bekannt. Bei der Yacht- und Bootswerft Kuhlke ist der Rumpf der Evadora IV professionell konserviert und überarbeitet worden. Der Rumpf bekam einen neuen Anstrich. Nach einem jahrelang andauernden Rechtsstreit soll das Schiff dann der Werft übereignet worden sein.




 

Evadora IV wird an Land gezogen

 

Damit schien die Geschichte der Evadora IV für das Tauchteam seinen endgültigen Abschluß gefunden zu haben.

© Copyright Günter Jürgens

Dieser Bericht beruht im Wesentlichen auf die in den Jahren 1984 und 1985 gewonnenen Erkenntnisse und ich habe ihn erstmals in der Zeitschrift "Froschmann" veröffentlicht.

Sollte es Personen geben, die zur Sache noch etwas beitragen möchten, dann können sie uns gern eine Nachricht senden (info@bergmenschen.com). Eine Antwort ist ihnen gewiß.




 

Ruderblatt und Antriebswelle

 

26.06.2007 : Es ist ein interessanter Hinweis eingegangen.
Es wird einen weiteren Bericht über die Evadora IV geben.

Weitere Hinweise:
Die Evadora IV soll im April 1944 und nicht wie angegeben, im April 1945 gesunken sein.
Der im Bericht als "SS-Offizier Janicke" bezeichnete soll Schreibmaschinenfabrikant gewesen sein.
Es bestehen Zweifel darüber, dass Janicke das Schiff "erworben" hat.


Siehe hierzu:
Evadora IV wird wieder segeln
Der "Lebenslauf der EvaDora IV
EvaDora IV - Bildergalerie




Der "Lebenslauf der EvaDora IV" | EvaDora IV - Bildergalerie -

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